Aphasie
„Mir fehlten die Worte….“
„Nach meinem Schlaganfall konnte ich in den ersten Tagen gar nicht mehr sprechen. Ich hatte im Kopf, was ich sagen wollte, aber es kamen keine sinnvollen Wörter mehr heraus. Es wurde dann langsam besser, aber mir passiert es immer noch, dass ich lange brauche, bis ich das richtige Wort finde. Mit dem Lesen und Schreiben habe ich auch immer noch Probleme. Meinen bisherigen Beruf kann ich nicht mehr ausüben und bin jetzt Frührentnerin.“
Die 53-jährige Maria G. arbeitete bis zu ihrem Schlaganfall als Fremdsprachensekretärin bei einem mittelständischen Importunternehmen. Durch den Schlaganfall wurde ihr Sprachzentrum im Gehirn geschädigt. Obwohl der Schlaganfall schon 3 Jahre her ist, leidet sie immer noch an den Folgen und ist noch nicht wieder erwerbsfähig.
Was ist eine Aphasie?
Eine Aphasie ist eine erworbene, zentrale (= das Gehirn betreffende) Sprachstörung nach Abschluss der Sprachentwicklung. Aphasien werden herkömmlicherweise in =>Aphasiesyndrome aufgeteilt. Es sind i.d.R. – in unterschiedlichem Ausmaß - immer alle sprachlichen Modalitäten betroffen, d.h. der sprachliche Ausdruck, das Lesen und Schreiben, sowie das Sprachverständnis. Die Ausprägungen sind sehr unterschiedlich und reichen von vereinzelten Wortfindungsproblemen über den so genannten Telegrammstil („Auto – Baum – kaputt“) bis zu dem ständigen Wiederholen sinnloser Wörter oder Silben („Bergschulebergschulebergberg“).
Die geistigen Fähigkeiten und das erlernte Wissen bleiben vollständig erhalten, sofern nicht noch zusätzliche dementielle Prozesse, bzw. hirnorganische Beeinträchtigungen vorliegen.
Was sind die Ursachen einer Aphasie?
Die häufigste Ursache ist der Schlaganfall. Aber auch Hirnverletzungen, wie z.B. durch ein Schädel-Hirn-Trauma oder das Auftreten von Hirntumoren können eine Aphasie nach sich ziehen. Aphasische Symptome wurden auch bei Patienten mit degenerativen Hirnabbauprozessen (Demenz) beobachtet.
Was sind aphasische Symptome?
Am häufigsten sind Wortfindungsstörungen und Störungen der Wortauswahl (Semantik), d.h., dass falsche Wörter gebraucht werden („Seit ich beim Augenarzt war, höre ich wieder besser“). Das Lesen und Schreiben kann ebenfalls Probleme bereiten => Alexie, Agraphie. Das Verstehen gesprochener Sprache kann unterschiedlich stark beeinträchtigt sein.
Was v.a. bei schweren Aphasien noch hinzukommt und in einzelnen Fällen auch isoliert auftreten kann, ist die =>Sprechapraxie, bei der der Betroffene unfähig ist, die für das Sprechen notwendigen Bewegungen bewusst auszuführen. Eine =>Dysarthrophonie kann die Verständlichkeit ebenfalls zusätzlich beeinträchtigen.
Welche Folgen hat eine Aphasie?
Je nach Ausprägung kann eine Aphasie für den Betroffenen mehr oder weniger schwere Folgen haben. Die Kommunikation mit Angehörigen, Freunden und Bekannten verändert sich z.T. grundlegend. In vielen Fällen kann der frühere Beruf nicht mehr ausgeübt werden. Wichtig ist es, den Betroffenen vor einer sozialen Isolation zu bewahren. Sinnvoll ist es in jedem Fall, Anschluss an eine Selbsthilfegruppe zu suchen, die sich im gesamten Bundesgebiet - zumindest in größeren Städten oder Landkreisen – gebildet haben.
Was gilt es in der Kommunikation mit Aphasikern zu beachten?
Wichtig ist es, dem Betroffenen Zeit zu geben, wenn Wortfindungsstörungen auftreten, und ihm aufmerksam zuzuhören. Wortfindungsprobleme verstärken sich in der Regel in schwierigen Situationen oder wenn der Aphasiker unter Druck steht. Auch wenn man nicht immer alles versteht, sollte man versuchen, den Sinn des Gesagten zu verbalisieren und so dem Aphasiker die Chance geben, den Inhalt zu bestätigen, zu verbessern oder zu ergänzen.
Welche Therapiekonzepte bieten wir an?
Wir passen den Therapieinhalt individuell an den Patienten an und orientieren uns hauptsächlich an folgenden Therapiekonzepten bzw. Autoren: Dr. Luise Lutz – MODAK, PACE –Therapie (Verbesserung der kommunikativen Effektivität), neurolinguistische Aphasietherapie, patholinguistische Therapie.
Welche Aphasiesyndrome gibt es?
Akute Aphasien (akut bedeutet bis zu 6 Monate nach dem auslösenden Ereignis) werden in flüssige und nicht-flüssige Aphasien eingeteilt. Bei einer chronifizierten Aphasie gilt folgende Einteilung der Syndrome:
- Globale Aphasie: schwere Sprachverständnisprobleme, schwere Wortfindungsstörungen, schwer gestörte Kommunikation
- Wernicke Aphasie: schwere Sprachverständnisprobleme, gestörte Wortauswahl (Semantik), Satzverschränkungen (Paragrammatismus)
- Broca Aphasie: mittelschwere bis leichte Sprachverständnisprobleme, mittelschwere Wortfindungsstörungen, Satzbildungsprobleme (Agrammatismus)
- Amnestische Aphasie: Wortfindungsprobleme, minimale Sprachverständnisprobleme
Was bedeutet Agraphie?
Agraphie ist eine Störung der schriftlichen Sprachproduktion. Buchstaben werden entweder vertauscht, ersetzt oder ausgelassen („Garge“ statt „Garage“). In der Regel nehmen die
Fehler bei steigender Wortlänge oder Komplexität der Sätze zu.
Was bedeutet Alexie?
Alexie ist eine Störung der Leseleistung. Es kann sein, dass beim Lesen der Sinn verändert wird („Schaumstoff“ statt „Schaumgummipolster“) oder im Extremfall nur noch einzelne Wörter erkannt werden können.
Was bedeutet Sprechapraxie?
Sprechapraxie beschreibt die Unfähigkeit, willkürliche Artikulationsbewegungen auszuführen. Auch hier gibt es verschiedene Abstufungen, so dass im Extremfall nicht einmal der Buchstabe „A“ imitiert werden kann, bzw. nur leichte Einschränkungen im Sinne von verminderter Sprechflüssigkeit vorliegen können.
Eine Sprechapraxie ist häufig an eine globale Aphasie oder Broca Aphasie gekoppelt. In sehr seltenen Fällen kann eine Sprechapraxie auch isoliert, d.h. ohne Aphasie auftreten.
Literatur:
L. Lutz, Das Schweigen verstehen, Springer 2004.
I. Tropp Erblad, Katze fängt mit S an, Fischer 1990.
S. Lenz, Der Verlust, dtv 1985.
J. Tesak, Aphasie, Sprachstörungen nach Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma, Schulz-Kirchner-Verlag 2002.



