Poltern

„Mein Kind spricht sehr schnell und dabei extrem undeutlich. Oft können andere mein Kind gar nicht verstehen.“

„Sprich doch langsamer und denk erst mal nach!“

„Viele Bekannte sagen mir, dass ich undeutlich und viel zu schnell spreche. Oft fragen sie noch mal nach, und bitten mich, langsamer zu sprechen. Einige sagen mir, mein Sprechen wirke unstrukturiert.“

I. Was ist Poltern?

Poltern ist eine Sprechstörung, die in der Öffentlichkeit noch ziemlich unbekannt ist. Die Ursachenforschung zum Poltern steckt noch in den Kinderschuhen. Allgemeiner Konsens besteht aber darin, dass es eine genetische Komponente gibt. Jungen sind wesentlich häufiger als Mädchen betroffen und Poltern (oft kombiniert mit Stottern oder einer Sprachentwicklungsstörung) tritt oft über mehrere Generationen innerhalb einer Familie auf. Poltern ist keine psychische Störung, obgleich ungünstige familiäre und soziale Einflüsse die Symptomatik verstärken können (U. Sick).

II. Was sind die Kernsymptome von Poltern?

Es kommt zu Auslassungen und Verschmelzungen von Lautfolgen und Wörtern, Lautersetzungen und Lautveränderungen, die häufig zur Unverständlichkeit von Äußerungen führen. Das Sprechtempo kann durchgehend zu hoch, oder irregulär schwankend sein. Häufig treten zusätzlich Unflüssigkeiten in Form von Silben-, Wort-, Laut- oder Satzteilwiederholungen auf.

III. Zusätzlich zu diesen Symptomen treten häufig folgende Symptome auf:

Sprachstörungen: Noch im Erwachsenenalter können bei ausgebliebener logopädischer Therapie im Kindesalter, eine fehlerhafte Grammatik, ein eingeschränkter Wortschatz und Störungen der Wortfindung vorliegen.

Störungen der sprachlichen Strukturierung: Dies bedeutet, dass es den polternden Menschen nicht gelingt, ihre Redeinhalte für den Gesprächspartner verständlich zu gliedern. Sie beziehen ihre Äußerungen nicht oder nur mangelhaft aufeinander, neigen zum Bau von „Bandwurmsätzen“ und zum Abschweifen vom Thema („Vom Hölzchen auf´s Stöckchen kommen“).

Auffälliges Kommunikationsverhalten: Polternden Menschen kann es schwer fallen, einem Gesprächspartner über längere Zeit zuzuhören. Desweiteren gelingt es ihnen häufig nicht, ihre eigenen fehlerhaften Äußerungen umzuformulieren, wenn der Gesprächspartner sie nicht versteht.

Auditive Wahrnehmung und Verarbeitung/Aufmerksamkeit: Es können Störungen der auditiven Aufmerksamkeit, bzw. der auditiven Sprechkontrolle vorliegen. Dies bedeutet, dass es polternden Menschen schwer fällt, ihr Sprechen über das „sich selbst Hören“ dauerhaft zu kontrollieren.

IV. Was sind die Ursachen von Poltern?

Die Ursachen für Poltern sind ungeklärt. Es werden zum Beispiel eine Wahrnehmungs- und Verarbeitungsschwäche, Störungen der Planung und Kontrolle, bzw. eine Veranlagung/Disposition für polterndes Sprechen angenommen. Neuere wissenschaftliche Forschungsansätze gehen von neurophysiologischen Schwächen aus. Abzugrenzen ist das Poltern von => Stottern und so genanntem „Nuscheln“.

V. Was ist der Unterschied zwischen Poltern und Stottern?

Obwohl Poltern und Stottern oft kombiniert auftreten, sind sie zwei eigenständige Störungen des Redeflusses, die sich anhand ihrer Kernsymptome voneinander abgrenzen lassen. Dies bedeutet, dass bei einem reinen Poltern keine Blockierungen der Sprechmotorik und spannungsvolle Dehnungen auftreten dürfen. Umgekehrt treten bei einem reinen Stottern nicht die für Poltern typischen Zusammenziehungen und Auslassungen von Lautfolgen und Wörtern auf. Desweiteren ist das Sprechtempo nicht durchgehend zu hoch oder irregulär schwankend (U. Sick).

VI. Was können ErzieherInnen, LehrerInnen und Angehörige tun?

Wenn Sie den Polternden nicht verstehen, versuchen Sie durch gezieltes Nachfragen den Inhalt zu entschlüsseln. Täuschen Sie kein Verstehen vor, wenn Sie den Polternden nicht verstanden haben. Versuchen Sie herauszufinden, ob es Situationen gibt, in denen das Poltern weniger ist. Helfen Sie einem polternden Schüler oder Kindergartenkind, wenn es unstrukturiert und zusammenhanglos erzählt, in dem Sie es zum Thema zurückführen. Stellen Sie Alternativfragen (war es so oder so?), wenn es dem Polternden nicht gelingt, seine Redeinhalte zu vermitteln (U. Sick).

VII. Welche Therapieansätze gibt es?

Therapiebausteine können zum Beispiel sein: Verbesserung der Selbstwahrnehmung und Aufmerksamkeit, Modifikation des Sprechtempos, Reduzierung phonetischer Auffälligkeiten, Behandlung kommunikativ-pragmatischer Störungen, Arbeit an Atmung und Stimme. Bei ausreichender Eigenmotivation während der Therapie des polternden Menschen ist zu erwarten, dass der Polternde sein Sprechen situativ besser kontrollieren kann. Von einer vollständigen Heilung kann nicht ausgegangen werden. Bei polternden Kindern im Vorschulalter ist durch eine intensive logopädische Behandlung einer zusätzlich auftretenden Sprachentwicklungsstörung eine massive Besserung der Poltersymptomatik möglich (U. Sick).

VIII. Literatur:

U. Sick, Poltern, Thieme Verlag 2004. www.forum-poltern.de